Was versteht man unter einem Entwicklungstrauma?

Foto von Spencer Selover von Pexels

Ein Entwicklungstrauma entsteht, wenn wir als Kind nicht das bekommen, was wir für eine gesunde Entwicklung brauchen, z.B. Sicherheit und eine dauerhafte emotionale Verbundenheit. Die seelische Verletzung, die daraus entsteht, schränkt unsere Lebendigkeit ein. Wir entfalten unser Potential nicht oder fühlen uns im Innersten nicht als wertvolle Menschen.

Mein Klientin Frau T. ist Mitte 40, in ihrem Beruf erfolgreich. Sie hat zwei Kinder großgezogen und ist derzeit Single. Ich finde sie intelligent, attraktiv und sympathisch. Sie hätte gerne wieder eine Beziehung, aber gemeinsam finden wir heraus, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, dass jemand sie wirklich liebt. „Wenn der wüsste, wie ich wirklich bin…“ Da gibt es einen tiefsitzenden Glauben in ihr, dass sie nicht gut genug ist. Deswegen ist sie auch ständig darum bemüht, sich zu verbessern: ihre Figur, ihr Auftreten, ihre beruflichen Leistungen. Auf ihre Kindheit angesprochen, sagt sie, dass sie eine sehr gute Kindheit gehabt hat. Im Verlauf unserer weiteren Arbeit kommt heraus, dass sie sich schon als kleines Kind sehr bemüht hat, keine Belastung für ihre Eltern zu sein. Sie war brav, hatte dann in der Schule gute Noten etc. Ihr Vater war in der Familie kaum anwesend, da er beruflich sehr eingesetzt war. Ihr Mutter war auch berufstätig und mit ihrem älteren Bruder sehr gefordert und war froh, so eine angenehme Tochter zu haben um die man sich kaum kümmern muss. Dabei hat sie nicht bemerkt, dass das Mädchen – bewusst oder unbewusst – sich selbst zurücknimmt, um die Mutter nicht noch mehr zu belasten.

Nicht jede seelische Verletzung führt zu massiven Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben. Das hängt davon ab, wie schwerwiegend das Geschehen war, oder wie langandauernd der Mangel, oder wie wichtig gerade die Bezugsperson, die dafür verantwortlich war. Wie bei Frau T. sind es auch relativ unauffällige Geschehnisse, die dazu führen, dass ein Kind sich nicht angenommen oder verstanden fühlt – und die das Selbstbewusstsein langfristig untergraben.

Was brauchen wir für eine gesunde Entwicklung?

  • Sichere Bindung: Kinder brauchen das Gefühl, dass sie geliebt werden so wie sie sind. Sie brauchen ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Geborgenheit. Andernfalls fühlen sie sich zurückgewiesen, ausgeschlossen und letztendlich wertlos.
  • Emotionen ausdrücken: Bedürfnisse und Emotionen werden von Bezugspersonen wahrgenommen, benannt und erlaubt. Dann lernt das Kind, dass es ok ist mit allem was es bewegt.
  • Mitgefühl: starke emotionale „Ausschläge“ kann das Kleinkind alleine nicht halten. Es braucht einen Erwachsenen, um diesen Emotionen gemeinsam zu begegnen und wieder in einen gut aushaltbaren Bereich zu bringen. So lernt das Kind nach und nach mit starken Emotionen umzugehen und sich selber zu regulieren. Damit kann es ein ausgeglichenes Nervensystem entwickeln.
  • Mitfreude: Genauso wichtig wie die Begleitung bei negativen Gefühlen, ist auch das Willkommenheißen positiver Gefühle. Gemeinsame Freude ist ein starkes Band zwischen Menschen und erhält die Lebensfreude, die jeder Mensch auf die Welt mitbringt
  • Autonomie: Auch Kinder brauchen das Gefühl, dass sie Dinge und Menschen beeinflussen können. Wenn sie das nicht haben fühlen sie sich unwichtig, abhängig und ohnmächtig. Sie brauchen Raum für Neugier, Kreativität und Spontaneität, damit sie experimentieren können und Erfolgserlebnisse haben. Sonst besteht die Gefahr, sich unfähig und nutzlos zu fühlen.

Was passiert, wenn diese Bedürfnisse nicht befriedigt werden?

Die hundertprozentige Erfüllung der Entwicklungsbedürfnisse ist eine Idealvorstellung. Eltern sind Menschen und daher nicht perfekt. Sie haben ihre eigene Geschichte, die sie beeinflusst. Oder sie sind beruflich sehr gefordert etc. Meistens tun sie ihr bestes, aber sie können ihrem Kind nicht immer geben, was es braucht, z.B. geherzt werden, wahrgenommen, angenommen, ermutigt, geachtet werden. Manche Mütter oder Väter sind selbst so bedürftig, dass sie das Kind benutzen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Vielleicht haben sie auch selbst nie erlebt, sich willkommen und geliebt zu fühlen.Damit wir unser Ego wieder aufpolieren, setzen wir andere herab – dann fühlen wir uns besser. Wir finden einen Bereich, in dem wir kompetenter sind, gescheiter oder toleranter. Wir haben einen besseren Geschmack, die richtige politische Gesinnung oder eine besonders gute Menschenkenntnis …

Wenn wichtige Bedürfnisse grundsätzlich oder über einen sehr langen Zeitraum nicht erfüllt werden, kann es sich traumatisierend auswirken. Weitere Faktoren die zu einer Traumatisierung beitragen sind regelmäßige Gefühle von Angst, Scham und Schuld. Auch die übermäßige Sorge um andere Familienmitglieder oder Anforderungen und Ansprüche, die nicht altersgerecht sind, können traumatisierende Belastungen darstellen.

Wenn die Bedürfnisse eines Kindes nicht erfüllt werden, wird es zunächst einmal lautstark protestieren. Wenn der Protest immer wieder erfolglos bleibt, wird es irgendwann resignieren und verstummen. Es wird das Gefühl haben, dass seine Bedürfnisse nicht gerechtfertigt sind.  Da es die Eltern als unfehlbar erlebt, glaubt es, dass es selbst nicht in Ordnung ist. Es entwickelt eine Überlebensstrategie: es unterdrückt seine Bedürfnisse, was soweit gehen kann, dass es seine eigenen Wünsche, Gefühle und Körperempfindungen gar nicht mehr deutlich wahrnimmt. Damit ist der Kontakt zu sich selber eingeschränkt. Gleichzeitig schützt es damit die Beziehung zur Bindungsperson. Für uns Menschen ist die Bindung zu einer primären Bezugsperson überlebenswichtig und deshalb wichtiger als unser körperliches und psychisches Wohl!

Frau T. hat als Kind auf Rücksicht auf die überforderte Mutter keine Aufmerksamkeit eingefordert und den tiefsitzenden Glauben entwickelt, dass sie es nicht verdient hat, geliebt zu werden. Gleichzeitig hat sie sich bemüht durch angepasstes Verhalten und gute Leistungen, doch noch Aufmerksamkeit zu bekommen – was aber wiederum das Gefühl nährt „nur wenn ich gute Leistungen bringe, werde ich geliebt“.

Diese Überlebensstrategien helfen, mit der Situation, so wie sie ist, umzugehen. Der permanente Stress, der damit verbunden ist, hat aber eine gravierende Auswirkung auf das Nervensystem, und macht die Regulierung unserer Emotionen noch im Erwachsenenalter schwer.

Was sind typische Beispiele, die in der Praxis immer wieder vorkommen?

  • Die Eltern von Herrn L. glaubten – wie viele andere Eltern ihrer Generation – dass man Babys nicht zu sehr verwöhnen sollte und dass es ok ist sie schreien zu lassen. So ließen sie ihn alleine im Zimmer schreien, wenn er einschlafen sollte. Das tat er dann auch irgendwann aus Erschöpfung. Herr Z. tut sich schwer, sich auf andere Menschen einzulassen. Er hat das Gefühl, nicht interessant genug zu sein und zieht sich beim leisesten Verdacht, nicht willkommen zu sein aus dem Kontakt zurück. Durch sein Verhalten findet er auch immer wieder Situationen vor, die seine Annahme bestärken.
     

    Heute werden Babys weniger körperlich alleingelassen, aber immer wieder sehe ich Betreuungspersonen, die geistig nicht anwesend sind, während sie mit ihrem Kind unterwegs sind. Sie beschäftigen sich mit dem Handy während sie es füttern oder schauen Videos während sie es in den Schlaf wiegen.
    Auch wenn die wichtigste Bezugsperson depressiv ist, kann es sein, dass sie für das Kind emotional nicht erreichbar ist. Sie beantwortet die Gefühle des Kindes dann nicht entsprechend – durch zurücklächeln, beruhigen, etc. Das Kind bezieht dies natürlich auf sich!
  • Entwertung und Herabsetzung v.a. vor anderen können bewirken, dass das Selbstbild einer Person langfristig beeinträchtig ist. Egal wie sie sich nach außen zeigt, sitzt tief im Inneren das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
  • Alle Arten von Gewalterfahrungen können zur Folge haben, dass man sich schwer tut, Grenzen zu setzen.
  • Wenn in einer Familie Leistung besonders wichtig ist, kann sich die Überzeugung verfestigen „Nur wenn ich gut bin, bin ich etwas wert“. Es geht immer noch ein bisschen besser, es ist nie genug – bis zur Erschöpfung.

  • Besonders schmerzhaft ist es, wenn ein Elternteils die Familie verlässt und der Kontakt nur noch eingeschränkt oder gar nicht vorhanden ist.
  • Ein Kind wird zum Partnerersatz oder zur besten Freundin, zum besten Freund eines Elternteils. Es wird in Themen eingeweiht, mit denen ein Kind normalerweise nicht konfrontiert wird. Und obwohl es sich dadurch wichtig fühlt, spürt es auch einen gewissen Verrat: Es sorgt für den Erwachsenen, der eigentlich für das Kind da sein sollte. Möglicherweise wird es sich einmal schwertun, sich auf andere zu verlassen. Lieber die Kontrolle behalten und keine Abhängigkeit zulassen.

Woran erkenne ich, ob ich ein Entwicklungstrauma habe?

Die Überlebensstrategien, die uns als Kinder helfen, mit nicht idealen Bedingungen zurechtzukommen, können uns als Erwachsene in unseren Möglichkeiten einschränken. Etwa wenn wir nicht so reagieren wie wir möchten, weil wir so intensive oder belastende Gefühle erleben, die der aktuellen Situation objektiv betrachtet nicht angemessen sind.  Oder weil wir uns von unseren Bedürfnissen abschneiden und unsere Gefühle nicht mehr wahrnehmen, und dadurch unsere Lebenskraft drosseln.

Häufige Hinweise auf Entwicklungstraumata, die mir in der Praxis begegnen, sind:

  • Angst vor Nähe Angst vor Bindung
  • Übermäßige Eifersucht
  • Angst, Schmerz, Wut und Scham ohne konkreten Anlass
  • Perfektionismus
  • nicht Nein sagen können, nicht für sich einstehen
  • sich aufopfern und dabei die eigenen Bedürfnisse vernachlässigen
  • das Gefühl, nicht dazuzugehören
  • Narzissmus
  • Minderwertigkeitsgefühle und geringen Selbstwert
  • Mangel an Selbstliebe und Selbstvertrauen
  • chronische Stresssymptomen wie Anspannung, Schlafstörungen, innere Unruhe
  • das Gefühl, wie betäubt zu sein oder neben sich zu stehen

Diese Liste ist natürlich nicht vollständig und soll auch nicht ausdrücken, dass diese Symptome immer auf einem Entwicklungstrauma beruhen!

Was kann ich tun?

Wenn Sie das Gefühl haben, dass einiges von dem oben beschriebenen auf Sie zutrifft, setzen Sie sich nicht unter Druck, sofort etwas ändern zu müssen. Das allerwichtigste ist zunächst, sich selbst so anzunehmen, wie Sie sind. Ich weiß, dass das oft nicht einfach ist.

Der oben erwähnte Herr Z.  hat sich selbst stark verurteilt dafür, dass er sich mit Beziehungen so schwer tut. Er wollte seine unangenehmen Gefühle loswerden und hat gegen sie angekämpft. Aber genau das verstärkt die innere Anspannung noch mehr, anstatt uns ruhiger und selbstbewusster zu machen. Erst als er verstand, dass sein Rückzug eine alte Überlebensstrategie ist, um sich vor Verletzungen zu schützen, konnte er sich selbst besser annehmen. Er hat herausgefunden, was er braucht, um sich im Kontakt mit anderen wohl zu fühlen.

Die eigenen Bedürfnisse erkennen und ernstnehmen ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Damit behandeln Sie sich selbst so, wie Sie es als Kind gebraucht hätten. Das heilt.

Wenn das für Sie zwar gut klingt, aber die Umsetzung sehr schwierig erscheint, dann sind Sie damit nicht alleine. Da das Thema sehr viele Menschen betrifft, gibt es eine Menge Ratgeber, Artikel und Online-Kurse über Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Sie finden sicher etwas, das zu Ihnen passt.

Wenn Ihnen diese Angebote nicht zusagen oder nicht das gewünschte Ergebnis bringen, zögern Sie nicht, sich Unterstützung zu holen. Mit psychotherapeutischer Begleitung ist es einfacher, sich selbst auf die Schliche zu kommen und alte Muster zu ändern.

Wie kann die Psychotherapie helfen, ein Entwicklungstrauma zu heilen?

In der Therapie versuchen wir gemeinsam, den Überlebensstrategien auf die Spur kommen. Im Hier und Jetzt erforschen wir die Emotionen und Körperreaktionen, unter denen Sie leiden.

Durch freundliches In-sich-hinein-hören und angeleitetes Hinspüren wird immer deutlicher, was die Auslöser sind und wovor diese Reaktionen möglicherweise schützen. Häufig tauchen Verbindungen zu Kindheitserinnerungen auf. Sie können hilfreich sein Gefühle, Empfindungen und Gedanken zuzuordnen und besser zu verstehen. Eine sehr wirkungsvolle Methode dafür ist NARM, entwickelt von Larry Heller.

Letztendlich wird durch dieses Vorgehen das Erwachsenen-Ich gestärkt. Das hilft uns, gelassen mit angenehmen und unangenehmen Zuständen umgehen zu können. Wir stärken dadurch die Verbindung mit uns selbst und stärken unsere Lebenskraft.

Buchtipp

Laurence Heller, Aline LaPierre, et al. : Entwicklungstrauma heilen: Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM. 2013

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